Vom Ozean und Schreibzeit-Muscheln oder Entdeckergeist und Rückzugsorte
Heute ist Schreibnachmittag. Mittlerweile seit einem Jahr verabreden wir uns in kleinem Kreise in wohltuender Regelmäßigkeit. Dass diese Treffen so fester und essenzieller Teil meines Alltags werden, konnte ich mir in den Anfängen nicht vorstellen, aber mittlerweile ist es eine unabänderliche Tatsache. Diese Tatsache kommt mir vor wie eine Muschel, die ihr wertvolles Perlmuttkleid nicht auf den ersten Blick preisgibt. Es ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich oder erfassbar, dass sich für mich in dieser Schreibzeit-Muschel eine wundersame Welt vollkommener Akzeptanz, der Bestärkung und Freiheit verbirgt. Die Muschel-Schreibzeit breitet sich vor mir aus als eine Welt voll warmem, sanftem Licht, das einen einhüllt und umschmeichelt wie ein hauchzarter Stoff, der im lauen Sommerwind den Körper umspielt. Diese wundersame Muschel-Welt ist ein Wohlfühlort, der mir in dieser aufregenden, spannenden, aber auch herausfordernden Zeit des Entdeckens einer neuen Heimat Halt, Orientierung und Sicherheit bietet; sie ist ein Ort, an den ich mich gerne zurückziehe, ein Ort, der es mir erlaubt, aufzutanken und gestärkt an die Oberfläche der durch das Fernsein von bekannten Gewässern noch stürmischen Alltags-See zurückzukehren.
Das Foto, welches heute als Anregung zum Schreiben dient, erinnert mich an das versteckte Perlmuttbett einer Muschel. Sinnbildlich scheint mir das sehr passend für die hier versammelten Texte und den Anspruch, den diese Plattform an sich selbst stellt: Bekanntes, Gewohntes im Neuen, Unbekannten entdecken - die Perlmuttoase in der von außen scharfkantigen Muschel. Die Muschel als Bild der Transformation und des sich Zueigenmachens, wenn sie das Sandkorn einhüllt, nach und nach in etwas wandelt, was man untrennbar mit ihrem Sein verbindet.
Ich bin eine Muschel, die nach und nach ihre Umgebung adaptiert und transformiert, noch unbekannte Orte mit einer feinen Perlmuttschicht überzieht.
Ich habe eine Schreibzeit-Muschel, in die ich mich zurückziehen kann, die mich auf diesem Weg begleitet und mir Rückhalt gibt.
Zum Glücklichsein braucht es für mich eine Balance zwischen diesen Polen, dem Erkunden des weiten Ozeans und der sicheren Zurückgezogenheit in der Muschel, von der Du, Leipzig - mein Leipzig -, es vortrefflich verstehst, diese zu halten: Wie aufregend und gleichzeitig anheimelnd es ist, dass ich Neues entdecken und in diesem Neuen bekannte Geborgenheit erfahren kann.

© anaïs-madlaina büchl