geschichten & texte in, um & aus leipzig

halloleipzig

neues entdecken.

neues im gewohnten sehen.

gewohntes im neuen wiederfinden.

geschichten, texte, fragmente &

gedanken über das auswandern & in die ferne schweifen, das ankommen & heimischwerden, vermissen & liebgewinnen.

für alle entdecker, die ihr zuhause in der weite suchen & (hoffentlich) in sich finden.

so oft es der alltag zulässt, wann immer möglich zweiwöchentlich, gibt's hier auf halloleipzig neues zu leipzig & umgebung.

leipzig, mein leipzig, lob ich mir (angelehnt an goethe).

Ornithologischer Dilettantismus oder In lila fühle fühle ich mich weniger einsam

 

 

Allein und einsam sitzt der Reiher am Uferbord des Elstermühlgrabens. Dabei weiß ich nicht, welcher Art der Vogel tatsächlich angehört und ob er sich so allein fühlt, wie ich das auf ihn projiziere, weil ich mich gerade selber leicht verloren fühle, sei sowieso in Frage gestellt.

Ich weiß nichts über das Sozialverhalten von Vögeln, außer dass Schwanenpaare ihr Leben lang zusammenbleiben, Tauben kilometerweit fliegen, um sich mit ihrem Partner wieder zu vereinen oder dass Spatzen nicht selten in Pulks anzutreffen sind. Allerdings weiß ich weiter weder, ob sich die Spatzen aus Geselligkeit oder anderen Gründen alle in einem Busch zum Piepen, Zwitschern, Tschilpen treffen, noch wie die ornithologisch korrekte Bezeichnung für ihre Laute oder die Ansammlung der Artgenossen ist - Spatzenschule, Spatzenzug?

 

Am Beispiel des „einsamen“ Vogels lässt sich eine nicht selten zu Unmut und Missverständnissen führende Übertragungstendenz aufzeigen, der ich in diesem Moment, in welchem ich auf den Auslöser drückte, selbst auch erlegen bin. Es war dunkel, es war kalt, ich hatte schlechte Laune und ich hab mich alleine gefühlt. Fast automatisch übertrage ich diese Gefühle auf die sich mir bietende Szenerie, den Vogel. Dabei ist die Welt für ihn vielleicht gerade in Gänze in Ordnung - er sitzt da, genießt die Ruhe, ist froh, einen Moment aus der Hitze eines überfüllten Partykellers an die frische Luft entwischt zu sein, freut sich, dass er heute einen freien Abend hat, an dem er sich nicht um die Kinder kümmern muss, hat vielleicht eine erfolgreiche Gehaltsverhandlung hinter sich, die er Revue passieren lässt oder beobachtet im völligen Einklang mit sich und seinem Leben die Spiegelungen auf dem Wasser, einfach weil sie da sind, weil er da ist, weil er sie bemerkt und er sie schön findet.

 

Das, was wir sehen, färben wir immer durch unser subjektives Wahrnehmen in einer Schattierung, die unser Gegenüber gegebenenfalls ganz anders wahrnimmt; es bedarf Offenheit und Akzeptanz, die Person und ihre Ansicht der Dinge hören, sehen, empathisch mitfühlen zu wollen.

 

Danke - Leipzig, mein Leipzig -, für diesen Reminder für ein achtsames, interessiertes Miteinander!

 

Auch wenn ich im Falle des auf dem Foto abgebildeten Vogels noch immer nicht weiß, in was für einer "Verfassung" sich der Kranich(?), der Reiher(?) befunden hat, weil ich nach wie vor eine dilettantische Vogelkundlerin bin, erlaube ich mir in meiner künstlerischen Freiheit, das Bild in einem Lilaton einzufärben - es macht ihn für mich weniger einsam und legt sich wohltuend auf meine Erinnerung, wie allein ich mich an diesem Tag gefühlt habe.

Farben und gegenseitige Wertschätzung machen das Leben schöner.

 

Der Text darf gerne als Aufruf gelesen werden, sich für seine Mitmenschen zu interessieren - Wissen und Aufmerksamkeit, freundliche Anteilnahme verändern die Welt und die farbliche Schablone, die über die sich präsentierende Situation gelegt wird: Allein und einsam vs. im Einklang mit sich und der Welt.

Heißt für mich: Meine nächste Lektüre wird sich um Reiher, Spatzen und Schwanenpaare drehen.

 

© anaïs-madlaina büchl

kontakt

für weitere inhalte, ideen & vorschläge für texte, geteilte freuden & leiden: