Knisterpapier oder Hunger nach Leben
Ein Spätnachmittag im Herbst.
Die Sonne scheint durch das Fenster, bricht sich im dünnen Straßenstaubfilm, der sich auf die Scheibe gelegt hat.
Trotz dass die Strahlen das Gemüt erhellen, wie es nur Sonnenschein zu tun vermag, legen sie sich nicht mehr wärmend und liebkosend auf die Haut.
Trotz dass, oder vielleicht auch gerade weil sie nicht mehr diese elektrisierend energetisierende Wirkung verströmen, wie sie es im Frühling tun, wenn sie die Welt aus ihrem Winterschlaf wachküssen, mag ich die milden Sonnenstrahlen des Herbstes: Sie „scheinen“ ruhiger, laden zum Innehalten ein, laden ein, sie förmlich aufzusaugen und einen Vorrat ihres Sanftmuts anzulegen, um davon in grauen und kalten Tagen ändächtig zu kosten, den Geist und die Seele an das weiche Herbstlicht sich erinnernd milde werden lassend, wenn das Innerste mit den Minustemperaturen im Außen zu gefrieren droht, hart und unnachgiebig wird.
In Gedanken pflücke ich die sich im Staubfilm einzeln brechenden Sonnenfäden aus der Luft, hänge sie zum Trocknen über die direkt unter der Zimmerdecke gespannten Schnur, den Duft nach Laub, Nebel, einem ersten Raureif in der Nase.
Kleine bunte Bonbons liegen verpackt in Knisterpapier, den Regenbogenfarben nach sortiert, auf dem Fensterbrett, leuchten im Herbstlicht miteinander um die Wette und raunen mir leise zu: „Nimm mich! Koste mich als erstes!“
Es raschelt, die Hüllen fallen und ein Papierchen nach dem anderen segelt zu Boden.
Den Geschmack von Kirsche, Zitrone und Himbeere im Mund, mache ich mich daran, die getrockneten Sonnenstrahlen aufzuwickeln und in die leergenaschten Knisterpapierchen zu verpacken, ganz vorsichtig, damit sie nicht brechen. Sie werden nachreifen und irgendwann im tiefen Winter werden sie anfangen zu wispern, da auf der Fensterbank, glitzernd in einer gleißenden Wintersonne. Die konservierte Herbstsonne wird mir auf der Zunge zergehen und ich umhülle als nächstes gefrorene Eiskristalle mit der farbigen Knisterfolie.
Ja ich gebe zu, ich bin ein Nimmersatt mit einem unbändigen Hunger nach Leben.
Es ist so schön, Leipzig, mein Leipzig, dass Du - dessen bin ich mir gewiss - diesen Hunger in Deinem Facettenreichtum noch lange Zeit wirst stillen können,

© anaïs-madlaina büchl