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leipzig, mein leipzig, lob ich mir (angelehnt an goethe).

Der Himmel so weit oder Noch nie so sehr Zuhaus

 

Die Vögel kreisen über dem Wasser und meine Gedanken fliegen mit.

Wie kann es sein, dass der Himmel hier so weit ist? So weit, so hoch, so offen, so frei? Er übt eine regelrecht sogartige Wirkung auf mich aus; es zieht mich in diese unendliche Weite, das Bewusstsein dehnt sich aus, löst sich auf und zerstreut sich als durch die Luft wirbelnde Staubpartikelchen in alle Himmelsrichtungen. Ist Luft, ist Licht, Wolken und Regen, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gleichzeitig. Ist überall und doch an keinem Ort, ist alles und nichts und jeder Zustand dazwischen. Ist eine:r und viele und niemand.

Ein vergleichbares Gefühl kenne ich nur aus dem Hochgebirge - höher und höher hinauf, die Welt und ihre Sorgen hinter sich lassend, dem Universum mehr verbunden fühlend, sich dessen Großartigkeit mit jeder bebenden Faser des Körpers bewusst.

Aber hier sind keine Berge - nur flaches Land, der vor mir liegende See, die Vögel und ich.

Trotzdem fühle ich Erhabenheit, Ergriffenheit in mir, dieses überwältigende „Alles ist möglich!“, weil meine Gedanken hier so viel Himmelsraum bekommen, in den sie sich emporschwingen können, das Herz kilometerweit über die weiten Ebenen der Felder tanzen kann, nur das Sausen des Windes und mein eigenes Juchzen im Ohr.

Dieses Gefühl der Freiheit, der unbändigen, bedingungslosen und puren Lebenslust hat sich vor bald einem Jahrzehnt, als ich bei meinem ersten Besuch der Stadt das erste Mal durch den Nieselregen spaziert bin, in mir eingenistet. Es war ein Regen, der in kleinsten Tröpfchen in der Luft hängt, weil die Wolken keine Berge haben, um sich an ihnen festzuhalten, inne zu halten, groß und prall zu werden, bevor sie ihr gesammeltes Tropfennass auf unsere Scheitel fallen lassen und den es dort, wo ich bisher gelebt habe, in diesem Aggregatzustand so nicht gibt.

Es gibt hier keine Berge, die in ihrer massiven Großartigkeit wunderschön sind, Anhaltspunkt und Rückhalt bieten können, die sich mir persönlich jedoch schwer aufs Gemüt legen, meine Gedanken niederzwingen, mir  Weitblick verwehren und das Auge nicht in der Ferne schweifend zur Ruhe lassen kommen.

Es gibt keine scharfkantigen Felsvorsprünge, an denen ich mit meinem feinen Ideengewand hängen bleibe, auf dem schmalen, steilen Bergpfad strauchle, falle und mit aufgeschlagenen Knien und zerrissenen Ideenfetzen beschämt und enttäuscht über den nicht geschafften Aufstieg zum Gipfelkreuz den Rückweg ins mich beengende Tal antrete.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ich mich hier viel stärker in und mit mir verankern muss, um nicht abzuheben, weil der Himmel so weit ist und kein Gewicht von Hügeln oder Bergen auf mir lastet. Und es tut so unendlich gut!

 

Leipzig - mein Leipzig -, danke! Ich war wohl noch nie so sehr in mir Zuhaus und gleichzeitig so frei wie hier mit Dir.

 

 

© anaïs-madlaina büchl

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